Veränderungen

Corona wütet seit Monaten, Cancer Unites nimmt immer mehr Fahrt auf und ich dümpel mit meinem Brustkrebs so vor mich hin. Die Welt verändert sich und bleibt für jeden von uns stehen. Für den Moment auf jeden Fall. Für mich ist die Situation nicht so schlimm auszuhalten wie für andere. Ich kenne es bereits, dass sich die Welt von heute auf morgen ruckartig ändert, dass nichts ist wie vorher und dass ich in Quarantäne bin. Mundschutz zu tragen ist mittlerweile zur Normalität geworden. Mittlerweile wird es von vielen so akzeptiert und respektiert und ich werde nicht für ein Alien gehalten, nur weil ich einen Mundschutz trage oder mich aus Respekt nicht weiter anderen gegenüber nähere.

Im Home Office zu arbeiten ist für mich auch keine große Veränderung gewesen. Seit der Unizeit organisiere ich mich zuhause und erledige vieles vom Handy oder Laptop aus. Ich weiß noch wie mich manche immer dafür ausgelacht haben, dass ich doch nur am Laptop sitzen würde. In diesen Zeiten kommt es mir zugute und ich kann andere unterstützen. Selbst zur akuten Krebsphase war die Online Welt mein Tor zur Welt.

Und auch im UKE, in meinem Krankenhaus, haben sich alle darauf eingestellt. Wo vor 4 Wochen noch eine kleine Einlasssperre im Brustzentrum herrschte, so sind jetzt alle Eingänge, bis auf den Haupteingang gesperrt. Kinder unter 16 Jahren dürfen das Gelände nicht betreten, fast alle tragen Mundschutz und nur mit Termin kommt der Patient ins Uniklinikum.

Trotz allem wünsche ich mir die Zeit wieder in der ich alle umarmen kann, sie fest an mich drücke und ihnen damit zeige wie wichtig sie mir sind und wie sehr ich sie liebe. In dieser Zeit wo alles runterfährt kommen viele zum Nachdenken, räumen auf und schmeißen altes weg. Ich habe meine Festplatte durchforstet, alte Bilder wiedergefunden. Komisch irgendwie sich selbst anzusehen, die ganzen Jahre, all das was passiert ist. Wie ich mich verändert habe. Von der tanzenden Partymaus auf Ibiza die in den Tag hineinlebte hin zum Krebspatient der einen Blog schreibt und mit dem Krebsprojekt Cancer Unites für andere Krebspatienten und deren Angehörige eine Stütze bietet, sie durch den Krebsdschungel begleitet. Bei Cancer Unites sind wir ein Team #nieohnemeinteam. Wir arbeiten alle in Deutschland verstreut, und das funktioniert sogar richtig gut. Besser als manche Zusammenarbeit vor Ort. Durch das Projekt habe ich menschlich wie auch fachlich viel dazu gelernt. Nicht jeder hat uns den Erfolg gegönnt. Gleich am Anfang kamen Vorwürfe von einer anderen Organisation wir hätten deren Idee geklaut. Doch wir starteten voll durch. Gleich am ersten Tag ein Auftritt im WDR, das Redaktionsteam bastelt immer an super Konzepten, die Zusammenarbeit mit den Bloggern funktioniert wunderbar und wir haben alle Spaß dabei. Vor allem gegen wir uns und auch anderen einen Sinn, eine Aufgabe im Leben. Jeder kann an Cancer Unites teilnehmen. Das Netzwerk ist für jeden da, egal wie. Keiner bleibt von uns allein. Und doch war der erste Monat von Cancer Unites auch von Trauer geprägt. Yvonne und Marvin, zwei Teammitglieder verstarben. Mit beiden sprach ich fast jeden Tag. Die erste Märzwoche war einfach zu heftig und erschlug mich. Ich verlor die Fassung. Mit meinem Freund zusammen setzten wir uns in unser Auto und fuhren ans Meer. Nach Sankt Peter Ording. Sobald wir Hamburg verließen erscheinte die Sonne am Himmel. Diese Energie kam wie gerufen, die frische Luft pustete alles weg was sich aufgestaut hatte. Das Meeresrauschen und spazieren im Sand ließen mich für ein paar Stunden alles vergessen. Es war der Geburtstag meines Opas, meines Seelenverwandten, meines Partners in Crime. Das Glitzern des Meeres erinnerte mich an die Zeiten die wir miteinander verbrachten. Mittlerweile habe ich einen Weg gefunden damit umzugehen. Manchmal ist mein Opa da, an manchen Tagen wiederum nicht. Doch es macht mich nicht traurig, sondern lässt mich eher schmunzeln. Diese Momente genieße ich ganz für mich allein.

Allein sein ist auch gerade jetzt zur Corona Krise für viele ein großes Thema. Besonders Singles und Menschen die niemanden an ihrer Seite haben sind allein und merken wie sehr ihnen die sozialen Konatek fehlen. So schön Social Media auch ist, die menschliche Wärme kann es nicht auffangen. Ein Anruf, ein liebes Wort, eine Sprachnachricht oder einfach sich über Facetime oder Skype anrufen. Kleine Gesten reichen schon, um dem anderen zu zeigen „Du bist nicht allein!“

Witzigerweise deckt Corona wahrscheinlich aber auch einiges anderes eventuell auf. Und zwar das Doppelleben von einigen. Denn wenn manch einer mehrere Frauen oder Männer hat, so kann er sich in Zeiten von Corona nur für eine/n entscheiden. Deshalb sehe ich Corona auch als eine Zeit der Entscheidungen und Hinterfragungen an. Ist es wirklich der Partner an meiner Seite auf den ich immer zählen kann und mit dem ich immer zusammen sein möchte? Ist es wirklich der Job den ich immer wollte, der auch in Krisenzeiten eine Stütze ist? Oder ist es mir selbst möglich für andere da zu sein ohne mich selbst zu verlieren und mich in Gefahr zu bringen? Was für ein Mensch bin ich überhaupt und was möchte ich vom Leben?

Die Welt wurde immer schneller, die Menschen wollten immer mehr, jeder war jederzeit zu ersetzen. Das neueste Iphone hier, das neueste Auto da. Viele nahmen keine Rücksicht auf Verluste. Es war egal, hauptsache „ich ich ich“. Und viele verloren dabei sich selbst. Was Repsekt und Urvertrauen bedeuten kennen die meisten gar nicht mehr.

Ich selbst kann andere nicht ändern, aber ich kann bei mir selbst anfangen, wenn ich mir eine bessere Welt wünsche.

Und nun lege ich mich hin und fühle mich wie alle vier Wochen nachdem ich meine Theraoie erhalten habe: „ich fühle mich wie ein bekifftes Eichhörnchen…“ Dazu noch etwas CBD Tee mit ein paar Tropfen CBD Öl und die Welt liegt mir zu Füßen 🙂 oder so. Es sind doch die kleinen Dinge im Leben die einen glücklich machen. Und das ist auf jeden Fall meine kleine Familie. Die Gewinner von Corona sind auf jeden Fall meine beiden Kaninchen, denn dadurch sind sie jeden Tag im Garten und können hoppeln so viel sie wollen.

2 Antworten auf “Veränderungen”

  1. Liebe Sue, ich liebe deine Zeilen… immer. Du berührst mich so und schaffst, dass ich lächele. Danke dafür. Vieles kann ich nachvollziehen, anderes nicht, weil meine Situation anders ist. Nichtsdestotrotz bist du ein Stern für mich, motiviert, sportlich, hübsch, ein Freigeist mit voller Fantasie und sagenhaft in dir ruhend. Danke fürs Teilen. Danke für deinen Mut, mach weiter so…
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