Ich hoffe es ist nicht mehr lang

Das Leben mit Krebs gleicht nicht mehr dem Leben was ich vorher hatte. Denn es ist anders in vielerlei Hinsicht.

Finanziell gesehen habe ich starke Einbußen, die Erwerbsminderungsrente reicht da nicht aus. Hart4 Empfänger erhalten hier mehr als mancher Krebspatient der Erwerbsminderungsrente erhält. Mein Privatleben hat sich verändert, Freundschaften haben sich verändert. Anstatt mit Freunden zu lachen, weinen wir am Telefon, weil sie traurig sind über meine aktuelle Situation. „Su, du bist doch meine lebensfrohe Freundin, du darfst noch nicht gehen…“ höre ich auf der anderen Seite des Hörers. Die Tränen kullern die Wange herunter.

Meine Konzentration hat seitdem nachgelassen und ich habe keine Lust mehr auf lange Auseinandersetzungen. Sie rauben Kraft und Zeit. Das Stand up paddeln gibt mir derzeit die Kraft die ich benötige, die ehrenamtliche Arbeit im Verein gibt mir Halt, denn so habe ich das Gefühl noch gebraucht zu werden.

Das normale Leben

Der normale Alltag fehlt mir sehr. Jeden Tag zuhause zu sein, zu warten, dass etwas passiert. Es ist der alltägliche Wahnsinn der mich manchmal wirklich wahnsinnig macht. Zermürbt sitze ich da und wünsche mir mein Leben zurück, indem ich einen tollen Job habe dem ich mit voller Leidenschaft nachgehe und dort Geld scheffel für eine eigene Immobilie am Meer, indem ich Arbeitskollegen habe mit denen ich mich über das normale Leben austauschen kann, in der Küche stehen und sich einen Kaffee holen. All das vermisse ich oft schmerzlich, denn es gibt mir das Gefühl Teil dieser normalen einfachen Welt zu sein.

Stattdessen laufe ich von Arzttermin zur Physiotherapie. Ich stelle die Termine jetzt immer so ein, dass ich tagsüber etwas zu tun habe und so das Gefühl habe aus dem Haus zu kommen. Es fühlt sich manchmal an als lebe ich in einem goldenen Käfig. Alles was ich habe bin ich, ich bin für mich selbst verantwortlich, und doch hätte ich gern mehr. Jeden Tag zuhause zu sein wünscht sich jeder. Das tun zu können was man möchte ist ein Traum den jeder träumt. So in etwa habe ich diesen Traum, nur dass ich nicht alles machen kann was ich will. Denn um Träume wahr werden zu lassen braucht es in dieser Welt auch genug Geld. Und das gibt es für junge Krebspatienten oft nicht. Denn leider haben wir noch nicht lange genug gearbeitet, um eine gute Rente erhalten zu können. Zusätzlich müssen wir arbeiten, uns immer wieder einen Job suchen, uns immer wieder einarbeiten was zusätzlichen Stress bedeutet was wiederum nicht gut tut.

Ich glaube viele verstehen gar nicht was es bedeutet mit einer Erkrankung zu leben, dass kleinste Dinge uns aus der Bahn bringen können und wir uns überfordert fühlen, weil wir sonst am normalen Leben nicht teilhaben können. Auch wenn wir die Akuttherapien überstanden haben, neue Therapien anstehen, wir immer wieder Arztgespräche führen müssen über den aktuellen Stand der Dinge, wir immer wieder ins CT geschoben werden alle paar Monate, so können wir nie wieder Abstand nehmen vom Krebs. Denn der Krebs taucht immer wieder auf und wir werden immer wieder daran erinnert. Dazu gehören bei mir auch das Lymphödem im rechten Arm, trockene Haut und trockene Schleimhäute. Gliederschmerzen, rissige Füße, Müdigkeit und oft auch Abgeschlagenheit und Traurigkeit über die Situation.

Verständnis kommt von verstehen, und erst wenn wir etwas verstehen, können wir Verständnis entwickeln. Es gibt Menschen die bemühen sich nur in der Akutphase um einen und denken, danach ist alles wieder gut. Aber danach ist leider nichts mehr wie vorher, denn sich selbst klarzumachen, dass eine tödliche Krankheit in einem schlummert, ist nicht wirklich in Worte zu fassen. So benötigen wir weiterhin Fürsorge.

Rückblickend kann ich sagen, dass ich immer versucht habe gut mit der Situation umzugehen. Manchmal habe ich Dinge auch für mich behalten damit es mein Gegenüber nicht so stark belastet. Denn oft können andere mit der Situation nicht umgehen. Viele sprechen erst gar nicht drüber. Denn was ist schon Krebs? Eine Krankheit die heutzutage gut behandelt werden kann. Aber auch eine Krankheit die mich ein Leben lang begleitet. Mal mehr und mal weniger. Immer habe ich etwas gesucht, dass mir gut tut und dass ich vielleicht verändern könnte in der Hoffnung, dass der Krebs nicht wiederkommt.

Ich würde mir wünschen, dass Ärzte mehr zusammen arbeiten, dass Angehörige vielleicht mal mehr zuhören, dass Angehörige auch Unterstützung bekommen und mehr mit eingebunden werden, um so gemeinsam für ein weiteres gemeinsames Leben an einem Strang ziehen.

Ich hoffe ich halte noch lange durch, so dass irgendwann der Durchbruch kommt mit einem Medikament was mir dabei hilft noch lange mit der Erkrankung leben zu können. Ohne große Nebenwirkungen.

Ich hoffe es ist nicht mehr lang.

Am Wochenende 18./19.09.2021 werde ich auf einer Podiumsdiskussion bei yeswecancer in Berlin teilnehmen und über das Thema „Dating&Krebs“ mit Paula Lambert von SIXX sprechen. Das ganze gibt es auch als livestream und es wird viele Workshops währenddessen geben. Schaut gern mal rein, vielleicht sind ein paar interessante Themen für euch dabei.

Hier geht es zur YESCON von yeswecancer (größte Selbsthilfegruppen App im Krebsbereich) https://www.yescon.org/

Hier geht es zum Livestream: https://www.yescon.org/livestream/

Hier geht es zu meinem Panel am Samstag um 20:40 Uhr : https://www.yescon.org/event/jung-ledig-krebskrank-sucht/

Hier geht es zum Programm: https://www.yescon.org/programm/

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