Einmal sehen wir uns wieder

Am Sonntag ist es ein Jahr her, dass du gegangen bist. Die Krebs der uns verband, zerriss uns auch. Und dennoch bist du jeden Tag da, meine Oma, wie eine Mutter warst du für mich. Die Stunden die wir auf dem Sofa verbrachten und über alles redeten. Links neben mir saßt du auf deinem Sessel, die Beine angewinkelt, ich rechts neben dir und Opa rechts liegend neben mir auf dem Sofa. Der Fernseher lief, recht laut, da Opa nicht mehr alles verstand. Manchmal schlief ich ein und du schautest mich von der Seite her an, um dich zu vergewissern, dass es mir gut ging. Wenn du meinen rechten Arm anschautest, der dick war aufgrund des Lymphödems, sagtest du „Es tut mir so weh dich so zu sehen, mein Sanchen.“ Und ich antwortete „Ach Oma, das ist nicht schlimm, es ist nur dick, mach dir keinen Sorgen.“ Doch du machtest dir immer Sorgen. Selbst als 35 Jahre alt war. „Ruf an, wenn du später kommst.“ Und wenn ich länger schlief, dann schautest du immer nach mir, ob alles ok wäre. Du wusstest genau wie sehr ich Toffifee liebte und kauftest mir sie immer wieder. Den einen Abend aß ich gleich zwei Packungen, da ich so einen Hunger hatte und ich dich nicht mehr wecken wollte, um mir etwas zu essen zu machen. So lange ich nicht zuhause war, konntest du nicht schlafen. Manchmal nervte es mich, doch ich wusste immer deine Liebe und Fürsoge zu schätzen. Du warst der Fels in der Brandung für Opa, du wusstest immer Bescheid und du lerntest mir, dass ich mich nicht schlecht behandeln lassen sollte. Menschen die mir nicht gut taten, sollte ich aus meinem Leben verbannen.

Du warst immer da und hast alles zusammen gehalten. Ich weiß noch die letzten Jahre wie wir zusammen Snapchat ausprobierten und so sehr über uns lachten, dass wir weinten. „Ich muss weinen vor lachen, ich weiß nicht wann es das letzte Mal so gewesen ist.“ sagtest du. Diese Momente habe ich tief in meinem Herzen.

Zwei Wochen nach deinem Tod hatte ich eine Operation. Unter den starken Medikamenten war mir eine Zyste gewachsen, 7cm groß und musste dringend entfernt werden, da sie auf meinen Rücken drückte. Aber es waren auch Tumorschmerzen im Rücken die mich plagten.

Nach den ganzen Operationen die ich schon hinter mir hatte dachte ich am 14. September es wäre ein Klacks. Doch es plagte mich immer noch, dass ich es nicht mehr zu dir schaffte, da ich selbst so geschwächt war von meiner neuen Krebstherapie. Jede Woche ins Krankenhaus, MRT, CT, Knochenszintigraphie, neue Medikamente. Du gingst von uns an einem Sonntag Abend, ganz leise und still, ohne dass es jemand merkte.

Als ich in den OP geschoben wurde war ich ganz ruhig und ich wusste, dass ich gleich schlafen würde. Ich wusste zu dem Zeitpunkt nicht was noch passieren würde. Mein Herz hörte während der OP auf zu schlagen. Und dann kamst du zu mir. Es war hell, sehr hell, du warst direkt vor mir und lächeltest mich an. Es ging dir gut und es fühlte sich alles so leicht an. Ich kam näher zu dir und wollte bei dir sein. Deine Nähe, deine Wärme und dein Lachen. Deine Kleidung war hell und wehte weich durch den hellen Raum. Es ging dir gut. Du warst erlöst und hattest keine Schmerzen mehr. Ich kam immer näher zu dir, doch irgendwann riss es mich aus der Helligkeit zurück und mein Herz fing wieder an zu schlagen. Es wurde dunkel und du warst weg. Du wolltest mir sagen, dass es dir gut ging und ich mir keine Sorgen machen müsse, auch nicht, dass ich nicht mehr für dich da sein konnte am Ende. Es war als würdest du dich freuen endlich erlöst gewesen zu sein.

Als ich im Aufwachraum wieder zu mir kam fühlte sich alles so surreal an. Alles was ich sagte war „Oma, Oma, ich habe Oma gesehen, sie war da.“ Der Pfleger fragte mich, ob es mir gut ginge, mein Herz sei während der OP stehen geblieben, doch ich kam irgendwann wieder zurück. Mein Herz schlug wieder.

Den ganzen Tag über dachte ich an diese Begegnung, diese Nahtod Begegnung, und musste Opa gleich davon erzählen „Es geht Oma gut, mach dir keine Sorgen, es geht ihr gut, ich habe sie gesehen.“ Opa vermisste Oma schrecklich. Seit ihrem Tod war ihm täglich schlecht gewesen. Mehr als 70 Jahre verbrachten die beiden miteinander und teilten ihr Leben miteinander.

Es ist egal wo ich bin, sie sind immer da, sie sind immer bei mir. Und doch sind sie so weit weg. Diesen einen Moment den ich mit Oma hatte werde ich nie vergessen. Sie war da und es fühlte sich alles so gut und leicht an. Noch Wochen nach Oma’s und Opa’s Tod kamen sie im Schlaf zu mir und hauchten leise in mein Ohr „Komm zu uns, komm mit zu uns.“

Es fiel mir schwer lebendig zu bleiben, leben zu wollen, einen Sinn im Leben zu sehen. Ein Leben ohne die beiden. Manchmal erwische ich mich wie ich den Hörer in die Hand nehmen will und sie anrufen will. Oder wie ich im Garten Unkraut jähte und dabei denke „Das hab ich immer mit Oma gemacht“ oder wie ich mich abends anziehe, um zu den Kaninchen zu gehen um sie zu füttern. So wie ich es mit Opa immer tat.

Es gibt so viele Momente im Leben wo ich denke „Achja, das kann ich, weil Opa es mir beigebracht hat.“ oder „Als ich klein war hat Oma mit mir immer das gemacht.“ Ich trage so vieles von ihnen in mir und bin froh, dass sie mich zu dem Menschen gemacht haben der ich heute bin, dass sie die Menschen waren die sie waren. Auch wenn wir uns manchmal gestritten haben so war ihre Liebe unendlich.

Irgendwann sehen wir uns wieder, aber bis dahin ist es meine Aufgabe hier weiterzumachen, um zu leben, um lachen, um glücklich zu sein. Um anderen zu zeigen, dass sie immer Acht auf sich geben sollten. Denn das Leben ist schön.

9 Antworten auf “Einmal sehen wir uns wieder”

  1. Dein Beitrag bricht mir das Herz 😦 Es ist so furchtbar gemein, dass die Menschen, die uns bedingungslos lieben und die in unsere Seele schauen können, ohne dass wir etwas sagen, meistens vor uns gehen müssen. Die liebsten Menschen, die man auf der Welt hat, sind dann einfach nicht mehr da. Ich weiss nicht, wann und ob die Zeit alle Wunden heilt, aber die nach dem Tod meines Opas ist nach 4 Jahren noch genauso tief und er sah deinem lieben Opa auf dem Bild so ähnlich…Opa wollte immer, dass es seinem Mädchen und den Enkelchen gut geht, deshalb mache ich weiter. Aber jetzt weine ich erstmal. Ich wünsche dir nur das Beste, du bist eine starke und mutige Frau!

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    1. Liebe Marlies,
      Danke für deinen Beitrag. Ich kann es bis heute nicht begreifen und denke immer sie sitzen gerade auf dem Feld in ihrer Hollywood Schaukel. Man lernt mit dem Schmerz umzugehen , aber weggehen wird er nie. Ich drück dich von Herzen ♥️
      Alles Liebe
      Su

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    2. Liebste Su,
      unfassbar voller Liebe und Zuversicht die Menschen die uns soo nahe stehen❤️❤️ Bedingungslose Liebe für immer….
      Sie wachen über uns und beschützen uns weiterhin.
      Die Energie dieser Menschen lebt in Dir, bei Dir und um Dich herum! Spüre sie, atme sie und nehme sie bewusst wahr…..
      Fühle dich gedrückt Su!

      Za Hide

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